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Töten im Namen Gottes (von Linda Christanty)

Posted in Essay by Linda Christanty on 10/18/2015

Zwei Monate vor seinem 41. Geburtstag wurde James Foley von Mitgliedern des sogenannten „Islamischen Staates im Irak und Syrien“, kurz ISIS, in Rakka, Syrien, hingerichtet. Die Exe-kution des US-amerikanischen Journalisten wurde auf Video dokumentiert und durch ISIS am 19. August 2014 im Internet verbreitet. 

Jim, wie Foley von seinen Freunden und Kollegen gerufen wurde, trägt in dem Video einen orangefarbenen Häftlingsoverall und kniet im Sand, während sein schwarz gewandeter Hen-ker mit dunkler Sturmhaube ihm seinen Kopf abschneidet. Bevor das Video an die Öffent-lichkeit gelangte, war er bereits zwei Jahre in Syrien verschollen gewesen. Am nächsten Tag erreichte mich eine Twitternachricht von meinem Freund David Case, einem Redakteur der Global Post in Boston, der mit Jim befreundet gewesen war. Die Nachricht enthielt Links zu Jims besten Reportagen über die Kriegsgebiete Irak, Afghanistan und Libyen, die seine Hin-gabe für den Journalismus würdigten. Die täglichen Schandtaten von ISIS nehmen kein Ende. Bis heute versucht Syrien, das nach wie vor von Bashar al-Assad regiert wird, vergeblich der sunnitischen Terrormiliz beizukommen und ihre Basen zu zerstören. Währenddessen sind die USA und ihre Verbündeten damit beschäftigt, die Herrschaft Assads zu brechen, den sie be-schuldigen, Gewaltverbrechen gegen die Mehrheitsbevölkerung der sunnitischen Muslime zu verüben.

Die Geschichte lehrt uns, dass Extremismus im Namen der Religion oder bestimmter Glau-bensvorstellungen alles andere als neu ist. Alle Religionen haben zu allen Zeiten extremisti-sche Strömungen hervorgebracht. ISIS ist lediglich eine weitere abstoßende, brutale und ekel-erregende Form des Extremismus, der vorgibt im Namen des Islam zu handeln.

In Indonesien – das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, in dem ich geboren wurde und lebe – gibt es eine Sekte namens Salamullah, die zwar extremistisch ist, aber keine Gewalt verübt, was daran liegen mag, dass sie noch keine nennenswerte Stärke erreicht hat. Ihre Anhänger tragen auch keine Waffen. Die Anführerin der Gruppe nennt sich Lea Eden. Ihr Geburtsname ist allerdings Lia Aminuddin. Früher war sie Blumenbinderin. Eines schönen Tages gab sie öffentlich bekannt, der Erzengel Gabriel sei ihr erschienen und hätte ihr eine Offenbarung überbracht. Seitdem trägt sie den Nachnamen Eden. Vor einigen Monaten schickte sie einen Brief an den indonesischen Präsidenten Joko Widodo, in dem sie um seine Erlaubnis für eine von Erzengel Gabriel geplante Landung eines Ufos auf dem Nati-onaldenkmal Monas in der Hauptstadt Jakarta bat. Einige Jahre zuvor hatte sie in den nationa-len Medien verlautbart, der jüngste Tag stünde in Form einer Sintflut bevor. Sie begab sich daraufhin mit einigen ihrer Anhänger in die Bergregion Puncak vor den Toren Jakartas, um sich vor den Fluten in Sicherheit zu bringen. Die Sintflut lässt bis heute auf sich warten.

Die sich mit brennenden Kreuzen schmückende, rassistische Sekte Ku Klux Klan in den USA ist fast jedem ein Begriff. Sie wurde nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65), mit dem auch die Sklaverei ein Ende fand, gegründet. Anfangs richtete sich der „Klan“ vor allem gegen Afroamerikaner, weitete sein Hassspektrum jedoch später auf jegliche Menschen anderer Hautfarbe und Juden aus. Der „Klan“ tötete. Heutzutage ist der „Klan“ zwar klein, aber alles andere als allein. Gruppen, die an die sogenannte Überlegenheit der „weißen Rasse“ glauben, erleben in den vergangenen fünf Jahren einen immer stärkeren Zulauf. Sie haben es vor allem auf dunkelhäutige Immigranten abgesehen, die, wie sie glauben, der „weißen Be-völkerung“ die Arbeitsplätze streitig machen. Ihre Paraden ‚schmücken’ Anhänger dieser Gruppen mit Hakenkreuzfahnen.

Der Gipfel des religiösen Extremismus ist Terrorismus in Form von Bombenanschlägen oder Selbstmordattentaten, die auch in Indonesien von militanten islamischen Untergrundbewe-gungen verübt werden. Die Bombenanschläge auf eine Bar und einen Nachtclub auf Bali im Jahre 2002, die 202 Menschen das Leben kosteten, und auf das Marriott-Hotel in Jakarta 2003 waren terroristische Aktionen, die mit der militanten islamischen Bewegung Jemaah Is-lamiyah (Islamische Gemeinschaft, JI) in Verbindung gebracht werden. Sie operiert in ganz Südostasien mit dem Ziel, einen islamischen Staat oder ein Kalifat zu errichten. Ihr prominen-tester Ideologe ist Abu Bakar Ba’asyir. Früher unterstützte er den Krieg der USA gegen die UdSSR in Afghanistan, um dann zum erklärten Feind der USA zu werden. Ba’asyir ist auch einer der Führer der Front der Verteidiger des Islam (Front Pembela Islam, FPI), die ihr Ziele einer islamischen Gesellschaftsordnung gewaltsam verfolgt. Ein Verbot der Organisation wird in Indonesien immer wieder öffentlich diskutiert, rechtliche Schritte stehen aber bis heu-te aus. Zwar setzt sich Ba’asyir einerseits gegen die Besatzung Palästinas ein. Anderseits lässt ihn seine Frustration über das von globalen Konflikten verursachte Unrecht blinde Gewaltta-ten, die alles und jeden gefährden, unterstützen.

Die sogenannte Darul Islam (Haus des Islam)-Bewegung war für die jüngere Geschichte In-donesiens bei weitem bedeutsamer als Ba’asyir und seine Gruppen. Sie wurde von Sekarmad-ji Maridjan Kartosoewirjo, einem Journalisten, anti-kolonialen Widerstandskämpfer und Freund des ersten Präsidenten Indonesiens, Sukarno, angeführt. Ursprünglich war er Mitglied der islamischen Partei Partai Sarekat Islam, wurde jedoch ausgeschlossen, weil seine Partei-genossen ihn für zu extrem hielten. Seine erste Operationsbasis war Westjava. Von dort aus wurde er zum obersten Führer der Bewegung, die ihre Ursprünge schon vor der Unabhängig-keit Indonesiens hat. Nachdem die Republik Indonesien am 17. August 1945 nicht als islami-scher Staat proklamiert worden war, setzte die Darul Islam alles daran der säkularen Republik den Garaus und Indonesien zu einem Islamstaat zu machen. Kartosoewirjo schlossen sich bald militante islamische Führer in Aceh, Sulawesi, Zentraljava und Kalimantan an. Das Mili-tär der Bewegung verfügte bald über Hunderttausende bewaffnete Kämpfer. Letztlich sollte das indonesische Militär jedoch die Oberhand behalten. Am 5. September 1962 ließ die Re-gierung Sukarnos Kartosoewirjo exekutieren. Dennoch haben seine Ideen überlebt. So ist die schrittweise Einführung des islamischen Rechts in der Provinz Aceh seit 1999 eine direkte Folge des damaligen Konfliktes.

Extremismus ist jedoch nicht ausschließlich eine Angelegenheit kleiner Gruppen oder Min-derheiten, sondern kann auch Mainstream-Bewegungen und ganzen Staaten zu eigen sein. In den meisten Fällen ist er instrumentell und soll politischen Einfluss und Zugang zu Kapital sowie zu natürlichen Ressourcen sicherstellen.

So ist der derzeitige Ministerpräsident Indiens, Narendra Modi, der uneingeschränkte Führer des hinduistischen Extremismus. Bevor er die Regierung Indiens übernahm, war Modi bereits ein wichtiger Kader der Partei Bharatiya Janata. Im Jahr 2002 ließ er als Regierungschef von Gujarat in Westindien Pogrome gegen Muslime zu, die geschätzte 2.000 Menschen das Leben kosteten. Nachdem Modi als Premierminister vereidigt worden war, hatte die Regierung der USA genau zwei Möglichkeiten damit umzugehen, und zwar entweder ihn anzuerkennen oder rundheraus abzulehnen. Letztlich erkannten die USA die Regierung Modi und damit die Tat-sache an, dass sie sich einem der beiden größten Länder der Erde nicht so ohne weites entge-genstellen konnten. Seine Verbrechen wurden vergessen. In Modis Indien werden Christen und Muslime, die in mehrheitlich von Hindus bewohnten Regionen leben, zum Hinduismus zwangskonvertiert. Und Weihnachten wurde kurzerhand in „Good Governance Day“ umbe-nannt.

Extremismus im Namen Gottes wurde übrigens erstmals durch die katholische Kirche in Eu-ropa praktiziert, und zwar in Andalusien. Zu dieser Zeit umfasste Andalusien Teile des heuti-gen Spaniens, Portugals und Südfrankreichs und war das Zentrum der muslimischen Zivilisa-tion. Die muslimischen Herrscher verübten zwar keine ausufernde Gewalt gegen die unter-worfene Bevölkerung, dennoch forderte diese ihre Freiheit ein. Weshalb? Ganz einfach: weil Unterwerfung Gerechtigkeit per se ausschließt. Anfang des achten Jahrhunderts begannen die Spanier mit der Reconquista – der Rückeroberung der iberischen Halbinseln von den musli-mischen Herrschern. Der ursprünglich als Befreiungskampf geführte Widerstand mündete schließlich in der brutalen und gnadenlosen Inquisition. Die katholische Kirche in Rom gab dieser „heiligen Säuberung“, der Millionen zum Opfer fielen, ihren päpstlichen Segen.

Die letzte islamische Festung in Granada fiel im Jahre 1492. Doch die Unterwerfung nahm weiter ihren Lauf. Nachdem Vasco da Gama mit der Umsegelung des Kap der Guten Hoff-nung den Seeweg nach Indien gefunden hatte, unterwarf er das islamische Königreich Goa in Indien und machte es zu einer Kolonie Portugals. Alfondo Albuquerque unterwarf später das islamische Königreich Malaka, fand eine Passage in das heutige Indonesien und läutete dort die Ära des westlichen Kolonialismus ein, der auch die islamische Vorherrschaft in Südafrika, Hindustan (Indien, Pakistan, Bangladesch) und Indochina (Vietnam, Kambodscha, Loas) mit der Parole „Gold, Ruhm und Evangelium“ beenden sollte. Doch mit welchem Ergebnis? Dem der ‚Völkerfeindschaft’.

Der berühmte Leitspruch der Reconquista „der Zweck heiligt die Mittel“ wurde übrigens vom katholischen Jesuitenorden übernommen. Auch während der autoritären Neuen Ordnung unter Suharto von 1967 bis 1998 wurde den Kommunisten in Indonesien vorgeworfen, nach diesem Motto zu handeln – eine der Rechtfertigungen für den Politizid an (vermeintlichen) Kommu-nisten, dem 1965/66 bis zu eine Million Indonesier zum Opfer fielen. Die anti-kommunistische Propaganda ist bis heute Teil des Lehrplans in Indonesiens Schulen.

Derzeit wird ISIS mit dem selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi und seinen men-schenverachtenden Praktiken weltweit als die Verkörperung des Bösen wahrgenommen. Freiwillige Kämpfer aus ungefähr 80 Ländern, inklusive Indonesien, haben sich der Bewe-gung mittlerweile angeschlossen. ISIS muss sowohl als eine Reaktion auf die durch korrupte Regime zerstörten politischen Systeme der arabischen Welt als auch auf das Blutvergießen, das einige Weltmächte im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins angerichtet haben, verstan-den werden. Große Teile der irakischen Bevölkerung bleiben bis heute Vertriebene.

Im Kontext der globalen Politik ist das was heute geschieht, etwas das in der Geschichte be-reits dagewesen ist. Und das was heute passiert, wird sich mit großer Sicherheit auch in Zu-kunft wiederholen, solange das globale Kräftegleichgewicht nicht einen strategischen Punkt des Ausgleichs erreicht, der allen zum Vorteil gereicht. Wenn dies nicht geschieht, werden extreme Handlungen im Namen von Religion, Ideologie oder was auch immer weiterhin an der Tagesordnung sein. James Foley und all die anderen Opfer würden so zu bloßen Num-mern in einer endlosen Zahlenreihe.***

Übersetzung: Dr. Gunnar Stange (Sonderforschungsbereich 1095: „Schwächediskurse und Ressourcenregime“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main)

 

 




Linda Christanty is an author and journalist. Her writing has been recognized by various awards including the national literary award in Indonesia (Khatulistiwa Literary Award 2004 and 2010), award from the Language Center of the Ministry of National Education (2010 and 2013), and The Best Short Stories version by Kompas daily (1989). Her essay "Militarism and Violence in East Timor" won a Human Rights Award for Best Essay in 1998. She has also written script for plays on conflict, disaster and peace transformation in Aceh. It was performed in the World P.E.N Forum (P.E.N Japan and P.E.N International Forum) in Tokyo, Japan (2008). She received the Southeast Asian writers award, S.E.A Write Award, in 2013.

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